Wärme und Schutz fallen als Primärfunktionen schnell ins Auge. Und ebenso schnell stellt sich die Frage ein: Was machen Menschen denn sonst noch so mit ihren Haaren - und warum bloß? Jede(n) zieht es mitten in die Thematik der Ausstellung hinein, sobald sie oder er einen Blick in den Spiegel oder ins private Fotoalbum wirft. Ganze Gefühlswelten wallen einem entgegen. Lebensabschnitte, Dramen oder Lachnummern finden sich in gegenwärtigen oder vergangenen Frisuren - wie bewusst auch immer - dokumentiert. Neben der modischen Wandelbarkeit zeigt sich, wie sehr sich jeder in die Zeitgeschichte verstrickt, egal von welchen Trends, womöglich ohne es zu merken, man sich mitreißen lässt oder welchen Strömungen man sich klar entgegenstellt.
Kampffrisur
So gesehen liegt die kulturelle Fähigkeit des menschlichen Haupthaares weit über der, einfaches Beiwerk zu sein, geschuldet schnell vergänglichen Schönheitsidealen. Distanz oder Nähe, politisches Statement, Emanzipation oder Provokation – allem lässt sich mit Hilfe bewusster Haargestaltung kräftig Ausdruck verleihen. All dies bekanntlich nicht erst, seitdem die Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts ihr virtuoses Spiel auf der Klaviatur der Frisuren vorführten. Schon im Biedermeier etwa konnte die Haar- und Barttracht demokratische Gesinnung von weit her sichtbar und zumindest im Augenblick unerschütterlich anzeigen.
Haarige Zeiten
Haare, zusammen mit Kleidung, Körperhaltung oder Gesten, machen gesellschaftlich wirkmächtige Vorstellungen öffentlich. Wer nach den Haaren fragt, bekommt Antwort auf die Fragen nach der Hygiene, nach Körperbildern, nach sozialen Konflikten oder Geschlechterrollen ... - und bekommt damit die Techniken in den Blick, die diese durchsetzen und dominieren. Dabei geht es nicht allein um Vorschriften wie die Kleiderordnungen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit; nicht allein aus den großen, klar festgeschriebenen, sondern gerade auch aus den kleinen, von Aug zu Aug kontrollierten Frisurmaßgaben spricht die Kulturgeschichte.
Mit Haut und Haar ...
Markant in diesem Zusammenhang zeigt sich zweifellos das Entfernen der Haare. Mit Tonsuren oder Rasuren opferten beispielsweise Mönche und Nonnen zu allen Zeiten und in vielen Kulturen einen sichtbaren Teil des eigenen Körpers an die religiöse Lebensweise. So ein Opfer beruht freilich nicht immer auf Freiwilligkeit: „Mit Haut und Haar“ bestraft zu werden hieß in der Frühen Neuzeit, Schläge zu gewinnen und die Haare zu verlieren - beides vor Publikum. Solche öffentlichen Bestrafungen kennen wir noch aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges auf Seiten aller Lager. Nur scheinbar war bis hierher die Rede allein vom Haupthaar. Immer geht es um jedes Härchen, das am menschlichen Körper wächst. Wer welchen Teil ihres oder seines Körper rasiert oder dies bewusst sein lässt, ist nicht eine Frage aktueller Beauty-Trends. Der Körper als Antwort kann Aussagen und Bekenntnisse über den religiösen, den geographischen, den historischen oder den sozialen Standort liefern.
Alte Zöpfe, wilde "Frise"
Die Ausstellung zeigt, wie wenig Haar gleich Haar ist. Die Biologie und die Evolution von Menschen, Tieren und Pflanzen offenbaren die Unterschiede. Im Mittelpunkt aber stehen die Menschen. Im Freilichtmuseum geht es natürlich um den Umgang der Bauern und der einfachen Leute mit ihren Haaren in früheren Tagen, dies im Kontrast zum Adel. Biblische Geschichten kommen ins Spiel, Redensarten, Mythen und Märchen. Es reicht, "Rapunzel" anzusprechen oder den sprichwörtlichen Wunsch, "alte Zöpfe abzuschneiden", um diesen Themenbereich zu charakterisieren. Zu sehen sind historische Objekte, mit denen der menschliche Körper traktiert wurde, um der Haarpracht körperweit Herr oder Frau zu werden. Natürlich stellt sich auch die Frage nach „Haar als Material“. Die Besucher treten in die Salons der Friseure, die Stuben der Bader oder die Werkstätten der Perückenmacher und Tierhaarverwerter ein.
Haar-Teile
Emotionen und Erinnerungen, die sich aus unseren Haaren „kämmen“ lassen, werden Teil der Ausstellung sein. Hier werden die Besucher direkt angesprochen, sich zu beteiligen und ihre Geschichten, Fotos oder Gegenstände mit einzubringen. Bilder - bewegte und unbewegte - und Töne - musikalische und gesprochene - beleben die Präsentation und machen „haarige Erfahrungen“ nachvollziehbar. - Und es werden Antworten auf Fragen geben, die nicht einfach nur auf der Hand liegen. Warum trug man in der Barockzeit turmhohe Perücken? Wussten Sie, warum Judas Ischariot als rothaarig gilt? Dagegen "Hexen" keineswegs? Und würden Sie bei "verschleiertem Frauenhaar" ans christliche Mittelalter denken?
Kulturgeschichte lässt sich an einem Haar aufhängen.